Unterschätzte Gartenhelden
Am heutigen „Pflanz-eine-Blume-Tag“ empfiehlt die AG Blühendes Kehl einige Pflanzen, die weithin bekannt sind, aber mehr Beachtung verdienen – für unkomplizierte Blütenfülle rund ums Jahr.
Pflegeleicht und insektenfreundlich, mit schöner Blüte über viele Wochen oder sogar Monate – so wünscht man sich die Pflanzen im Garten. Neuzüchtungen, die in Gartenzeitschriften oder im Fernsehen angepriesen werden, stellen sich aber oft als teurer Fehlkauf heraus und schwächeln, wenn sie nicht aufwändig gepflegt werden. Dabei liegt das Gute meist so nahe – man übersieht es bloß im Reigen der Neuheiten. Deshalb stellen Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Blühendes Kehl zum „Pflanz-eine-Blume-Tag“ einige bewährte Gewächse vor, die sie Kehler Gärtnerinnen und Gärtnern ans Herz legen möchten. Diese Pflanzen gedeihen bei uns gut, bringen Farbe in den Garten, machen wenig Arbeit und noch dazu bieten sie bestäubenden Insekten von Januar bis Dezember Nahrung.

Der Blütenreigen beginnt noch im Winter mit einer ausländischen Schönheit. „Lange Zeit war «Hamamelis» für mich nur ein effizienter Bestandteil von Medizin- und Kosmetikprodukten“, bekennt Bettina Cottin. „Die Zaubernuss (Hamamelis virginiana) liefert in der Tat den Wirkstoff unter anderem für Wundsalben und Mittel zur Behandlung von Krampfadern. Die Virginische Zaubernuss kam im 18. Jahrhundert aus Nordamerika zu uns, andere Hamamelis-Arten später aus Japan und China. In unsere Gärten pflanzen wir meistens Hamamelis x intermedia, also asiatische Hybrid-Sorten. Und jetzt kommt der Zauber: Während die Virginische Hamamelis im Herbst blüht, wenn das Laub die Blüten halb verdeckt, blühen die intermedia-Arten mitten im Winter! Oft schon ab Januar erscheinen die leuchtenden Blütenbüschel in Gelb oder Orangerot. Sie duften dezent nach Narzissen. Gute Laune garantiert! Und später im Jahr dann der zweite Farbzauber mit kupferroten Herbstblättern.“ Hamamelis ist ein robuster Strauch, der Kälte verträgt. Wichtig ist aber ein windgeschützter Standort. Bettina Cottin rät: „Im Sommer braucht die Zaubernuss nährstoffreichen, frischen und humosen Boden (durch Kompost und Mulch) möglichst ohne Verdichtungen und Staunässe. Als Heckenpflanze eignet sie sich nicht, denn sie verträgt keine Wurzel-Konkurrenz. Also in ihrer Nachbarschaft nur kleine Blümchen pflanzen, dann wird sie ein schöner Solitär. Der Schnitt muss mit Vorsicht erfolgen; sie wächst ohnehin eher langsam.“

Wenn die Zaubernuss verblüht ist, beginnt das Farbenspiel der Frühlingsblüher. Im Garten von Sabine Klasen wächst seit vielen Jahren an verschiedenen Stellen im Halbschatten das Gefleckte Lungenkraut. Diese Staude ist in ganz Europa heimisch und ebenfalls eine traditionelle Heilpflanze. Der Name ist vom lateinischen Wort für Lunge abgeleitet und verweist auf die Ähnlichkeit der Blätter mit Lungenflügeln. Die medizinische Wirkung ist heute umstritten; die Pflanze wird aber immer noch zur Herstellung von Tees, Hustenbonbons und homöopathischen Arzneimitteln verwendet. Pulmonaria officinalis wird bis 30 cm hoch und blüht von März bis Mai. „Anfangs sind die Blüten rot-purpurn und färben sich nach einiger Zeit violett-blau“, hat Sabine Klasen beobachtet. „Die bestäubenden Wildbienen bevorzugen die jungen Blüten, die mehr Nektar enthalten. Durch die Blütenform ist er nur langrüsseligen Bienen und Schmetterlingen zugänglich. Schwebfliegen fressen den Pollen. Das Lungenkraut in unserem Garten breitet sich überschaubar aus, da es sich selbst aussät. Eine sehr empfehlenswerte insektenfreundliche Staude für jeden Hausgarten oder schattigen Balkon!“

Brigitte Illenberger schwärmt für eine Staude, die bestimmt schon jeder in öffentlichen und privaten Grünflächen gesehen hat: „Denke ich in an bekannte, aber unterschätzte Pflanzen in unserem Garten fällt mir sofort die Storchschnabel-Sorte ‚Rozanne‘ ein. Ursprünglich als Begleitung von Rosenstöcken aus England mitgebracht, hat diese robuste Pflanze längst den Weg zu vielen Stellen in unserem Garten gefunden. Kompakt und aufrecht gewachsen, mit bis zu 80 cm Höhe und leuchtenden blauvioletten Blüten von Juni bis November, stellt sie keine besonderen Ansprüche an den Boden. Geranium Rozanne‘ verträgt Sonne, ist winterhart und unempfindlich gegen Schnecken. Mit ihren duftenden Blüten ist sie ein gerne besuchter Landeplatz für Bienen. Aus meiner Erfahrung eine unkomplizierte Pflanze und eine Bereicherung für unseren Garten!“ Was viele nicht wissen: Storchschnabel-Gewächse heißen auf Lateinisch Geranium, dieallseits bekannten Geranien dagegen Pelargonium. Da Geranienblüten keinen Nektar und nur sehr wenig Pollen enthalten, sind Storchschnäbel im Garten die bessere Wahl – auch weil sie als europäische Gewächse Frost problemlos überstehen.

Eine weitere Sommer-Staude ist der Tipp von Christine Eschemann und ihrem Kater Miezi, der sich bei angenehmen Temperaturen am liebsten im Garten aufhält. „Er döst gern in der Sonne und versteckt sich im Gebüsch. Aber das Highlight kommt für ihn im Frühsommer, wenn die Katzenminze blüht. Ihre kleinen blau-violetten Blüten verströmen einen angenehmen Duft. Für Miezi ist er einfach unwiderstehlich. Er knabbert die Blüten sogar ein bisschen an und wälzt sich auch schon mal in der Pflanze. Eigentlich habe ich Nepeta faassenii gekauft, weil sie eine hübsche und pflegeleichte Staude ist. Sie breitet sich schön aus (bei mir zwischen den Rosen), blüht sehr lange und kommt mit dem Lehmboden und der Hitze zurecht. Viele Insekten besuchen sie.“ Im Handel sind verschiedene Katzenminzen erhältlich und nicht alle sind bei Katzen beliebt. Wer die Stubentiger aus dem Garten fernhalten möchte, wählt besser Nepeta racemosa, deren Blätter nach Zitrone duften.

Auch Karola van Kampen empfiehlt einen Sommerblüher mit Zitrusduft, die Gewöhnliche Nachtkerze. „Ursprünglich beheimatet in Nordamerika, ist Oenothera biennis ab 1650 über die Niederlande bei uns eingewandert. Längst ist sie in Deutschland weit verbreitet, manchmal wird sie sogar als Unkraut angesehen. Die Nachtkerze ist zweijährig: Im ersten Jahr bildet sie eine dekorative Blattrosette, aus der im zweiten Jahr ein bis zu 1,5 Meter hoher Blütenstand wächst. Von Juli bis mindestens September entfalten sich ihre Knospen bei Beginn der Dämmerung innerhalb einer Stunde zu hübschen essbaren Schalenblüten. Der aromatische Duft lockt tierische Nachtschwärmer wie zum Beispiel Eulenfalter an, die sich vom Nektar ernähren und nebenbei die Blüten bestäuben. Die Nachtkerze liebt einen sonnigen Standort mit magerem, trockenem Boden. Es wäre schön, wenn sich in vielen Kehler Gärten ein Plätzchen für sie finden ließe!“ Auf offenem Boden kann sie sich durch Selbstaussaat stark ausbreiten. Deshalb ist es ratsam, ist es ratsam, die abgeblühten Knospen noch vor der Samenreife vom Stängel zu entfernen. Dadurch regt man zudem die Bildung neuer Knospen an und verlängert so die Blütezeit bis in den Spätherbst. Wer am Ortsrand wohnt, pflanzt besser andere Nachtkerzen-Arten, die weniger invasiv auftreten. Nach der Blüte stirbt die Pflanze ab. Für eine jährlich wiederkehrende Blütenpracht muss man also zwei Jahre in Folge Samen aussäen oder Jungpflanzen setzen.

Welche Staude mit seltsamem Namen sieht das ganze Jahr über gut aus und blüht ausdauernd ab dem Spätsommer, wenn das Angebot an Nektar und Pollen knapp wird? Natürlich die Purpur-Fetthenne (Sedum telephium)! „In meinem halbschattigen Garten wachsen zwei Fetthennen. Im Sommer und Herbst blühen sie durchgehend in einem prachtvollen dunkelrosa Ton und locken Wildbienen und Hummeln an“, schwärmt Clarisse Kauber. „Im Winter lasse ich die Blütenstiele stehen und bewundere ihre Verwandlung: aus ihnen werden dunkelrote Samenstände, die auch bei Frost nicht matschig werden. Im Februar treibt die Pflanze sehr hübsch neu aus; dann ist es Zeit, die alten Stiele zurückzuschneiden. Kurz vor der Pflanzenbörse Ende April teile ich die Staude, damit ich ein Exemplar weiterverschenken kann.“ Als Dickblattgewächs kommt die Fetthenne bestens mit sehr sonnigen und trockenen Standorten zurecht, denn sie speichert in ihren Blättern Wasser. Auch Dünger benötigt sie nicht – er kann sogar dazu führen, dass die Pflanze auseinanderfällt.

Und was blüht im Winter und ist heimisch? In unseren Breitengraden außer Christrosen fast nichts. In milden Wintern erscheinen aber Blüten einer kleinen Pflanze, die wirklich jeder kennt. „Das Gänseblümchen ist für mich der größte Gartenheld“, meint Nicole Stirnberg. „Es schiebt immer wieder neue Blüten nach – obwohl wir es buchstäblich mit Füßen treten. Sie enthalten zwar nur wenig Pollen und Nektar, aber wenn es fast nichts Anderes gibt, sind sie für Insekten wichtig. Noch dazu sind seine Blüten und jungen Blätter essbar.“ Früher wurde das Gänseblümchen mehr geschätzt als heute: Man findet es in den Paradies-Szenen der mittelalterlichen Malerei, denn es ist immer da und dadurch zeitlos. Die im Handel erhältlichen Zuchtsorten von Bellis perennis – meist als Maßliebchen oder Tausendschön bezeichnet – haben auffälligere Blüten, enthalten aber noch weniger Nahrung.
„Pflanzen Sie heute mindestens eine Blume und machen Sie sich und den Insekten in Ihrem Garten eine Freude!“, appellieren die Mitglieder des Blühendes Kehl. Wer weitere Ideen für empfehlenswerte Pflanzen sucht, findet diese in zwei Broschüren. Auf ihrer Internetseite stellt die Arbeitsgemeinschaft außerdem jeden Monat aktuell blühende oder fruchtende Gewächsende vor. Am 25. April findet im Außenbereich der Mediathek wieder eine Gartenbörse statt, bei der man gegen eine kleine Spende Samen und überzähligen Jungpflanzen aus Privatgärten mitnehmen kann. Die ehrenamtlich tätigen Mitglieder geben auch Tipps zur pflegeleichten Anlage von tierfreundlichen Gärten oder vereinbaren einen Vor-Ort-Termin. Dann wird im eigenen Garten gemeinsam überlegt, wie man diesen ohne großen Aufwand und Kosten so umgestalten kann, dass Mensch und Natur davon gleichermaßen profitieren.







